(Bald wiedererlangte) Freizeit: Kurzgeschichte “Die Erde ist keine Scheibe” Teil 2

So, meine Lieben, hier ist der zweite Teil der Kurzgeschichte. Ich wittere bereits den süssen Duft der prüfungslosen Freizeit ab Dienstag. Jetzt ist noch einmal tief Luft holen angesagt. Nachdem ich dann in einen Todesschlaf gefallen bin, bin ich dann wieder da und setze mich an den PC. Am 8. Juni fliege ich in die USA, es werden einige amerikanische Specials folgen. Jedenfalls sage ich das jetzt. Aber da ich ja frei sein werde, kann ich das schreiben, was ich will. Ein Hoch auf Selbstbestimmung! Viel Spass beim Lesen,

eure Natalie.

Die Erde ist keine Scheibe (Teil 2)

Meine Freunde blieben, aber sie entfernten sich immer mehr von mir, als sie merkten, dass ich ihre Freizeitaktivitäten nicht mehr mitmachen konnte. Ich war neidisch und verbittert. An jedem Geburtstag blies ich die Kerzen aus und wünschte mir nicht mehr einen neuen Computer oder einen Kleidergutschein, sondern betete für die Rückkehr meiner Freiheit.

Mit der Zeit schwand die Verzweiflung und Wut. Ich gewöhnte mich an meine Limitationen, lernte damit umzugehen. Ich begann, neue Hobbies zu erforschen, merkte, wie sehr ich es genoss, zu malen oder zu lesen. Es wurde mir bewusst, dass ich weder ein Monstrum noch ein Freak war. Viele Dinge liessen sich auch im Rollstuhl meistern. Langsam spürte ich wieder den Schein meines Sterns, der meine Haut kitzelte, wenn ich abends im Bett lag.

Meine Mutter konnte mein neues Leben weniger akzeptieren als ich. Oft spürte ich den Blick ihrer grossen, braunen Augen auf mir, während ich las oder malte, und sie glaubte, ich würde es nicht bemerken. In solchen Momenten wich ihre aufgesetzte Fröhlichkeit einer tiefen Trauer. Die braunen Augen wurden schwarz, und wenn sich unsere Blicke kreuzten, fühlte es sich an, als sehe ich in einen bodenlosen Abgrund. Ihre Schuldgefühle vergifteten unser Leben. Ich konnte es nicht ertragen, sie anzusehen, wenn sie mich mit diesem Blick voller Mitleid mass. Sie verstand nicht, dass ich es akzeptieren musste, um zu überleben, und dass ich in meinen Gedanken nicht gehbehindert war. Sie verfluchte die ungerechte Welt, die ihr eine normale Tochter, die mit den anderen Sport treiben und alleine gehen, die nach Hause kommen und über eine Schramme am Knie klagen konnte, versagt hatte. Mutter verstand nicht, dass ich auch auf eigenenBeinen stehen konnte, ohne zu gehen.

Während Mutter spätnachts noch an ihrem Schreibtisch sass und sich über Operationen und lächerliche Heilungsmethoden informierte, lag ich lächelnd in meinem Bett. Ich schloss die Augen und vergass die Grenzen des Zimmers um mich herum. Mein Schlafzimmer hatte keine Ecken und Kanten mehr, keine Tür, die man abschliessen konnte und keinen Aus- oder Eingang. Ich schwebte über meinem Körper, konnte hineinsehen und beobachten, wie das lebendige Blut durch meine Adern floss, auch in meine toten Beine. Ich spürte das pulsierende Leben um mich herum und breitete die Arme aus, bereit, diese Welt hinter mir zu lassen und in höhere Sphären aufzusteigen, in der es keinen Horizont mehr gab. In meinen Träumen existierten Rot und Blau nicht. Die Farben vermischten sich, Namen und Worte wurden überflüssig. Ich war etwas, das man in unserer Sprache Vogel nennen würde und glitt durch die verschiedenen Elemente hindurch, die keinen Machtkampf mehr untereinander ausfochten. Feuer und Wasser tanzten miteinander.

Die Erde ist eine Kugel. Meine Gedanken spielten mit ihr, wie ich als Kind mit Murmeln gespielt hatte. Sie war formbar, knetbar, weich und elastisch. Ich machte sie flach und dachte an die Menschen, die früher geglaubt hatten, die Erde sei eine Scheibe. Sie waren davon überzeugt gewesen, dass man, wenn man zu unvorsichtig sei und zu weit aufs Meer hinausführe, über den Rand der Welt hinabstürze und in eine unendliche Tiefe fiele. Doch die Erde ist eine Kugel, keine  Scheibe. Grenzen setzen sich die Menschen selbst, nicht die Welt oder das Schicksal. Wir sind unsere eigenen Götter und Gebieter.

Ich bin ein Glückskind.

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