Lesefutter: Ferdinand von Schirachs “Verbrechen”
Inmitten der Vorbereitungen für die Ankunft unserer kleinen Hündin Nahla, zwischen Gummiknochen und Zäune bauen, kam es mir in den Sinn. Unglaublich, aber wahr: Ich hatte neben all dem Hundefutter mein Lesefutter vergessen!
Das hat verschiedene Gründe. Früher verschlang ich monatlich mehrere Bücher, konnte über die Autoren und den Hintergrund der Geschichte recherchieren. Seit meinem Dasein als Studentin lese ich noch genau drei Dinge regelmässig: Die Zeitung, Time Magazine und meine Studienbücher. So sehr ich Romane auch liebe, irgendwann habe selbst ich genug Buchstaben gesehen. Ganz verzichten kann ich natürlich nicht. Auf meinen Nachttisch liegen ein Riesenschmöcker (The Pillars of the Earth von Ken Follet), ein unterhaltsamer Roman (Freunde von Simon Rich) und der Kurzgeschichtenband, den ich euch empfehlen möchte: Ferdinand von Schirachs “Verbrechen”.
Vorgestellt wurde uns dieses Werk während einer Vorlesung im Strafrecht. Laute Stimmen, die Geräusche von herauffahrenden Computern und das Rascheln von Blättern. Es war Freitag Morgen früh, die meisten wären lieber im Bett geblieben, der Rest fieberte bereits dem Wochenende entgegen. Doch plötzlich schaffte es der Assistent des Professors, unsere Aufmerksamkeit mit einem alten Trick auf sich zu lenken: Er las uns eine Geschichte vor.
Ferdinand von Schirach ist Rechtsanwalt und hat die Gabe, simpel und trotzdem packend zu erzählen. Die Ehrlichkeit seiner Worte ist fesselnd. Er schafft es, dem Leser einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren und den juristischen Hintergrund mehr oder weniger erblassen zu lassen, damit die Figuren in den Vordergrund treten können. Man liest in einem kurzen Abschnitt in der Zeitung von einem Verbrechen und fragt sich, wie ein Mensch zu so etwas fähig sein kann. Wir verurteilen und stempeln die Täter oft automatisch als krank ab und schütteln den Kopf. Was aber, wenn hinter den Verbrechen ein normaler Mensch steht? Einer, der sein ganzes Leben lang eine unglaublich schwere Bürde tragen musste? Was, wenn eine junge Frau ihren Bruder aus Liebe tötete oder hinter der Tat noble Absichten standen?
Genau solche Geschichten schildert von Schirach. Sie klingen zum Teil unfassbar, aber sie sind wahr. Nur jemand, der am Prozess beteiligt und die Menschen hinter den Taten kennen lernte, kann ihr Schicksal auf diese Art beschreiben. So gelingt es dem Autor, etwas zu schaffen, was mir bis dahin relativ fremd war: Ich hatte teilweise Mitleid mit den Tätern.
Es lohnt sich, diesen Band zu lesen. Sei es auch nur für die wunderbare Weise, wie Ferdinand von Schirach die Gesellschaft und unsere Vorstellung von Gerechtigkeit hinterfragt.

Der hat doch auch noch mehr Bücher rausgebracht, oder? Sind die auch in dem Stil? Hab in diesem mal ein paar Episoden gelesen und fand es echt spannend.
Nachdem du dieses Lesefutter vorgestellt hast, habe ich mir das Buch gleich in der Bibliothek ausgeliehen. Du hattest natürlich Recht! Das Buch fesselt. Innerhalb kurzer Zeit wurde es verschlungen und ich habe mir bereits das zweite besorgt “Schuld”. Es ist sehr beeindruckend wie von Schirach die Geschichten wiedergibt. Eines weiss ich aber sicher, dass ich wahnsinnig froh bin nicht in der Haut eines Anwalt / Verteidigers zu stecken.
Bin gespannt auf weiteres Lesefutter von dir…