Lesestoff: “All the light we cannot see” (Anthony Doerr)

Leider komme ich nicht mehr so oft zum Lesen wie früher. Die Lehrbücher, das Muss, stapelten sich und mein schlechtes Gewissen hält mich regelmässig davon ab, jeden Monat einen neuen Roman anzufangen. Ein klassischer Fall von “Die Pflicht ruft” – aber die Sommerferien, nach den Prüfungen, sind gemütlichen Nachmittagen im Liegestuhl gewidmet, ein tolles Buch in der Hand. Der Vorteil an diesem literarischen Zeitmangel liegt darin, dass ich inzwischen selektiver sein muss. Texte, die mich nicht berühren oder packen, lasse ich nun liegen. Letztes Beispiel: “Go Set a Watchman” von Harper Lee. Ich wuchs mit Atticus und Scout auf, “To Kill a Mockingbird” ist immer noch eine der Geschichten, die mir ein Lächeln auf das Gesicht zaubern. Der Nachfolger war für mich aber eine herbe Enttäuschung. Deswegen musste nun neuer Lesestoff her, um diese Enttäuschung ertragbarer zu machen.

Anthony Doerr ist ein Meister. Ein Virtuose, wenn es darum geht, Situationen aufleben zu lassen, aber ohne sich der gängigen Klischees zu bedienen. Obwohl die Themen Dauerbrenner sind – der zweite Weltkrieg und seine Folgen für die Beteiligten verschiedener Nationen, ein blindes Mädchen, ein verbissener Bösewicht, der einen kostbaren Schatz sucht –, ist die Verflechtung originell und spannend. Es wirkt nicht abgelutscht, um es banal zu sagen. Vielmehr fesselt es den Leser, man riecht den Rauch in der Nase, spürt die salzige Luft auf der Zunge und streckt die Hand helfend aus, weil man sich inmitten des Geschehens fühlt. Die Charaktere sind lebendig und trotz der verschiedenen Erzählstränge wird es durch den roten Faden, der Suche nach einem kostbaren Stein, dem Fassen nach einer unfassbaren Legende, nachvollziehbar. Obwohl ich die Geschichte genoss, ist es die Sprache, die mich faszinierte. Deswegen lege ich es euch auch ans Herz, den Roman in der Originalsprache Englisch zu lesen. Denn die Wortwahl ist so gelungen und schön, dass es sich anfühlt, als würde man gleichzeitig einen Poesieband lesen. Hier ein kleiner Ausschnitt aus einem Brief, den der junge Werner als deutscher Soldat seiner Schwester Jutta schreibt. In seiner Simplizität bewegend, in der zugrundeliegenden Botschaft erschütternd.

Dear Jutta,

…I have been feeling very clearheaded lately and what I want to write about today is the sea. It contains so many colors. Silver at dawn, green at noon, dark blue in the evening. Sometimes it looks almost red. Or it will turn the color of old coins. Right now the shadows of clouds are dragging across it, and patches of sunlight are touching down everywhere. White strings of gulls drag over it like beads. It is my favorite thing, I think, that I have ever seen. Sometimes I catch myself staring at it and forget my duties. It seems big enough to contain everything anyone could ever feel.”

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