Und plötzlich ist alles anders.

Und plötzlich ist wirklich alles anders. Normalerweise schreibe ich nicht über allzu persönliche Dinge, aber das “von der Seele schreiben” hat etwas. Teilen ebenfalls, denn damit kommt die Gewissheit, dass man damit nicht alleine ist. Jemanden zu verlieren ist schwierig. Es hinterlässt eine klaffende Leere, auch wenn der Kopf rational sagt, es sei besser so. Vor allem, wenn die Person lange litt.

Ich habe in meinem Blog jahrelang über meine Grossmutter geschrieben. Meine Oma, die sich selbst “feisty old braud” (frei übersetzt, eine lebhafte, alte, unabhängige Frau). In vielen Dingen war sie mein Vorbild: Eine aus der frühen Frauengeneration, die an der Uni studiert und sich hochgearbeitet hat. Sie lernte meinen Grossvater kennen, als er sie auf der Strasse verwechselte und er sie dann fragte: “Who the hell are you?” Sie antwortete natürlich schlagfertig, wie immer. Sie war hochintelligent, liebte es zu lesen und über Politik zu diskutieren und hatte ein Faible für das Sammeln von alten Glätteisen. Bis heute macht es mir nicht wirklich etwas aus, zu bügeln. Sie sang mir als Kind Lieder vor, mit einer sanften Stimme. Sie schickte mir Kisten voller englischer Bücher, damit ich meine Muttersprache nicht nur spreche, sondern auch lese. Bis 95 fuhr sie noch Auto, auch wenn ich manchmal Stossgebete zum Himmel schicken musste, dass ich noch zu jung sei, um zu sterben.

Doch dann fing die typische Geschichte an: Ein Sturz, Umzug ins Altersheim, wo sie Gespräche mit Gleichgesinnten vermisste. Dann ging es mit dem Augenlicht bergab, sie konnte nicht mehr lesen. Plötzlich schien es mir, als ginge so schnell: Schlaganfall, Lungenentzündung, Spital, Atemmaschine. Und dann war sie weg, einfach so. Wenn Kontinente einen von den Liebsten trennen und Verpflichtungen es unmöglich machen, auf den letzten Drücker in ein Flugzeug zu springen, ist es umso schwieriger. Kein richtiger Abschied, nur das Wissen, dass sie jetzt befreit ist. Schwerelos, ohne Schmerz, sehend. Sie sagte immer zu mir, ich solle sie nicht jedes Jahr in die USA besuchen kommen, sondern die Welt bereisen. Ich tat beides. Denn Familie ist kostbar und ich bin dankbar für all die Dinge, die sie mich gelehrt hat. Vor allem bei alten Menschen versuche ich deshalb, dankbar und nicht egoistisch zu sein. Sie hat ihr Leben gelebt. Es ging ihr nicht mehr gut und es ist besser so. Ihr Körper war nur noch die Hülle, die sie nun hinter sich gelassen hat. Aber was bleibt, sind Erinnerungen und das, was Teil von einem selbst geworden ist.

Ähnliche Beiträge

Tags: , , , , , , , , , , , ,


Einen Kommentar schreiben