Von Internetfreiheit und Selbsteinsicht

12 Tage. 12 Tage, abgeschottet von der „Welt“, aber irgendwie habe ich mich schon seit langem nicht mehr so mit genau dieser Welt verbunden gefühlt. Richtig geerdet, die Augen offen – 12 Tage (mehr oder weniger) ohne Internet. Ich war in den USA bei meiner Oma im Altersheim. Ich habe ihr den Rücken gekrault, Gesichtsmasken aufgetragen, vorgelesen und mit ihr über unsere divergierenden politischen Ansichten (Trump, echt jetzt?!) diskutiert. Es war eine tolle Zeit, aber eine Zeit ohne Wifi. Auf Datenpakete gibt es nämlich leider nach wie vor keinen Studentenrabatt.

Nach ehrlicher Selbsteinsicht muss ich sagen, dass ich anfangs schon etwas Mühe hatte. Grundsätzlich gehöre ich nicht zu der Kategorie Techniksuchti, die dauernd am Handy hangen. Ich schätze menschlichen Direktkontakt und hasse es, wenn ich mit Freundinnen einen Film schaue, sie aber parallel dazu konstant den Facebook Feed checken. Ausserdem besteht während Abendessen auswärts eine Regel: Der Tisch bleibt elektronikfrei, denn nichts ist schlimmer als diese Dates, bei denen beide während 20 Minuten schweigend die Nachrichten lesen. Das Beobachten alleine löst bei mir schon peinlichen Berührtsein aus. Trotzdem ertappe ich mich oft dabei, wie ich automatisch zum Smartphone greife, wenn es mir im Zug langweilig wird. Endlich die Sprachnachricht hören, die mit 12 Minuten schon ziemlich lang ist. News lesen, damit das Allgemeinwissen über das Weltgeschehen ebenfalls ein Update erfährt. Diese elenden Endlosgespräche in Gruppenchats überfliegen, weil man vorher ja nie Zeit hatte. Hauptsache abgelenkt und beschäftigt, oder?

Ich fühle mich nach meiner Auszeit richtig entspannt. Meine Oma will kein Smartphone. Die Begründung: „Ich habe 95 Jahre ohne Natel überlebt und es hat mir nie gefehlt. Wieso sollte ich das jetzt anders sehen?“ Wenn ich 6-Jährige mit Smartphone sehe, wird es selbst mir mulmig. Sich wirklich mit sich selbst oder anderen auseinandersetzen ist erst dann möglich, wenn man die technische Verbindung kappt. So praktisch es auch ist, immer und überall erreichbar zu sein, desto grösser ist auch die Gefahr, dadurch weniger empfänglich zu werden für wirklich wichtige Botschaften.

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Einen Kommentar zu “Von Internetfreiheit und Selbsteinsicht”

  1. Chrsitain sagt:

    Hallo Natalie, der Inhalt spricht mir aus der Seele. Super geschrieben

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