Zuggedanken.

Wer pendelt, kennt das. Im Zug kann es laut und chaotisch sein, gleichzeitig setzt aber ab einem gewissen Punkt der Zugmodus ein. Diese Blase, eingebettet in abgenutztem Plüsch mit leicht veralteten Mustern, die mit Ruhe gefüllt ist. Introperspektiv ist sie; die Gedanken sind manchmal linear und folgen den Gleisen, andere Male fühlt es sich eher wie eine Achterbahnfahrt an. Dieses Aus-dem-Fenster-Starren und zusehen, wie die Welt an einem vorbeizieht, hat etwas Beruhigendes. Das eigene Gesicht spiegelt sich milchig in den Zugfenstern. Ich tendiere sowieso zum “overthinking” – etwas, das ich gerne ändern würde, denn es macht jede Situation umso komplizierter. Zugfahren ist für Menschen wie mich gefährlich, denn an keinem anderen Ort denke ich so viel über mich selbst und mein Leben nach. Es ist dieses Stoppen, Aussteigen, Einsteigen, Losfahren – dieser immer wieder gleiche Ablauf, der trotzdem jedes Mal anders ist. Es erinnert mich dann an den Alltag, der zwar oft einen regelmässigen Ablauf hat, aber mit Unregelmässigkeiten gespickt ist. Unregelmässigkeiten, die das Leben umso bunter und aufregender machen können, gleichzeitig aber die Balance zu zerstören vermögen.

Ich habe mir für das neue Jahr nicht viel vorgenommen. Ja, ich gehöre zu den Skeptikern, denn grundsätzlich sollten Änderungen immer dann angestrebt werden, wenn sie einem selbst auffallen. Aufschieben und dann mit Vollgas dahinter mag für andere funktionieren, in meinem Fall selten bis nie. Aber grundsätzlich ist es etwas Gutes, wenn man selbstreflektiert und dort ansetzt, wo es hapert – egal wann und aus welchem Grund. Meine Vorsätze beginnen fast immer mit einer langen Zugfahrt. Lange heisst mindestens 1,5 Stunden, vorzugsweise im ersten oder letzten Zug, wo alle noch halb schlafen und die Gedanken noch etwas träge sind, mit der Zeit aber an Fahrt gewinnen. Jetzt, da ich in Genf lebe und die Zugfahrten nach Hause fast zwei Stunden dauern, hat mein overthinking Hochsaison. Aber hey, nicht jede Angewohnheit kann man ändern. Es geht darum, zu lernen, die Gedanken in die richtige Fahrbahn zu lenken und eine schöne Destination auszuwählen.

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